Eine Bundeskanzlerin ist keine Weihnachtsfrau

Die Diskussionen über den angeblich so „langweiligen“ Bundestagswahlkampf und die so „farblosen“ Politiker haben mich nachdenklich gemacht. Welchen Erlebnis- und Unterhaltungswert fordern wir eigentlich von den politischen Spitzenakteuren der Bundespolitik?

Erwarten wir öffentliche Gladiatorenkäpfe bis aufs Blut, persönliche Beleidigungen, ideologische Streitgespräche ohne Realitätssinn?

Ja, „unsere“ Politiker sind opportunistisch, sie gaukeln uns zunächst das eine vor und handeln dann ganz anders und behaupten dann noch, das ist nur in unserem Interesse. Wobei wir zunächst ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass es um das jeweilige individuelle „Unser Interesse“ geht. Wir verallgemeinern unseren jeweiligen Standpunkt und wundern uns, dass bei mehr als 60 Mio. Standpunkten in unserem Land -so viele Wahlberechtige gibt es in Deutschland- der eigene nicht abgebildet wird in der Politik.

Was wundern wir uns also, dass ein Parlament, eine Regierung, ein/e Kanzler/in unsere individuellen Wünsche nicht erfüllt, dass die Parteien unsere Interessenslagen vor der Wahl zunächst screenen und je nach Mehrheitsinteressen ihre Wahlaussagen danach ausrichten, nur um unsere Stimmen in ihre Netze zu treiben.

Wir erwarten anscheinend den Weihnachtsmann oder die Weihnachtsfrau an der Spitze Staates, der bzw. die uns jeden Wahlwunsch erfüllt. Ein Kinderwunsch, der bei erwachsenen Menschen im Zusammenhang mit weitreichenden politischen Entscheidungen unreif und obszön erscheint.

Solange wir uns selbst so dumm geben, als könnten wir ein Parlament und damit indirekt auch “unsere” Regierung bestimmen, die uns weihnachtlich unsere Wünsche erfüllt: Arbeitnehmerschutz erhalten, Opel retten (Klingt schon nach Autoheiland), Anreize Umweltschutz setzen, Finanzkrise lösen, Gesundheitssystem für alle, Mindestlöhne, gerechtes Steuersystem, mehr Rente und und und, sollten wir uns eben gerade nicht wundern, wenn wir von der Politik chronisch enttäuscht werden. (Den Weihnachtsmann gibt es nicht, für alle die es nocht nicht wissen.)

Die aufgezählten Punkte sind beispielhaft und daher unvollständig aber je nach Blickwinkel und manchmal auch objektiv berechtigt.

Wenn wir uns selbst wie dumpfbatzige und kindsköpfige Wähler verhalten, die so tun, als hätte da jemand ein Füllhorn, dass er ausschütten könnte über uns, oder als könnte jeder seine individuellen oder gruppenspezifischen Interessen meistbietend an die Parteien und ihre Vertreter für seine Stimme verkaufen, müssen wir uns nicht wundern, wenn wir opportunistische Parteien und Politiker generieren, die uns für genau so dumm verkaufen, wie wir uns verhalten.

Wir lassen uns offentsichtlich leicht gegeneinander ausspielen: Junge gegen Alte, Arbeitslose gegen Arbeitende, Gesunde gegen Kranke, …
Wir leben in prekären Zeiten sowohl wirtschaftlich, sozial und auch ökologisch. Grundrechte werden eingeschränkt.

Wo sind die politischen Bewegungen aus den 70-ern und 80-ern des letzten Jahrunderts, aus Zeiten in denen es den Meisten bei uns (zumindest in der BRD) noch gut ging. Wir haben damals mehr und härter gestritten, wir hatten mehr Blick über den Tellerrand, wir haben uns mehr eingemischt. Wo sind die Aufmüpfigen aus der ehemaligen DDR, die 40 Jahre Spießersozialismus von der Straße fegten?

Wenn wir Wähler unsere individuellen Interessen nicht selbst gesellschaftlich organisieren, wenn wir Wähler nicht selbst auch zwischen Wahlen – denn genau in dieser Zeit wird Politik gemacht- Druck ausüben und Politik außerhalb der Parlamente aktiv gestalten, wird Wahlkampf weiterhin verkommen zu langweiligen Pflichtveranstaltungen oder nichtsnutzigen Veranstaltungen nach dem altrömischen Motto: panem et circenses (Brot und Spiele) mit dem Weihnachtsmann als Gladiator.

Advertisements

2 Antworten to “Eine Bundeskanzlerin ist keine Weihnachtsfrau”

  1. Hallo, erstmal…ich glaub nicht mehr an den Weihnachtsmann, auch nicht an eine Weihnachtsfrau…

    Ich wünsche mir Menschen in der Politik mit Zielen, klar formulierten Zielen. Keine Wahlversprechen…nur eine klare Ansage! In welche Richtung wollen sie, wie stehen sie zu den umstrittenen Themen. Ich weiß, dass man seine Ziele nicht immer erreicht…das wäre für mich dann auch kein „gebrochenes Wahlversprechen“. Aber die angegebene Richtung sollte dann schon eingehalten werden und nicht, dass man sich dann dreht, wie ein Fähnchen im Wind…

    Ich habe mir deshalb auch einen WahlKAMPF gewünscht…nicht mit Schnäbel und Krallen, sondern mit spitzer Zunge…damit Ecken und Kanten entstehen und ich mir ein Bild machen kann.

    Leider habe ich keine besonderen Erkenntnisse errungen und habe „der guten alten Zeiten“ wegen gewählt. Ich hoffe, dass die Parteimitglieder sich noch erinnern können, warum sie mal in die Politik und in diese Partei gegangen sind.

    Freundliche Grüße, Mara

  2. fatalfraktal Says:

    Nachbemerkung: Nein, Frau Merkel ist keine Weihnachtsfrau. Sie lässt alle Wünsche offen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: