Wie viel ist ein Menschenleben wert?

Keine Angst, ich will nicht moralinsauer über die Schlechtigkeit und Kälte der Welt schwadronieren. Aber eine eher kleine Meldung hat mich zum Nachdenken und Rechnen gebracht.

So meldete dieser Tage u.a. die raiffeisen.com: Rund 5,6 Millionen Tonnen Getreide in der Intervention

Eine Menge Getreide ist das. Unter diesem Begriff werden die Einzelmengen nach Sorten folgendermaßen aufaddiert: 4,83 Mio t Gerste, 554 000 t Mais und 212 000 t Weizen.

Nun klingt Getreideintervention eher nach sozialistischer Plan- oder Mangelwirtschaft, was viele Menschen häufig gleichsetzen, aber das wäre ein anderes Thema.

Getreideintervention ist ein Werkzeug der EU zur Stabilisierung der Getreidepreise in Europa, habe ich auf den Seiten der BLE (Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung gelernt. Dort heißt es: „Zur Aufrechterhaltung der Wettbewerbsstellung und zur Preisstützung bestimmter Erzeugnisse auf dem Agrarmarkt hat die Europäische Union unter anderem die Interventionsregelung mit öffentlicher Lagerhaltung eingeführt.“

Im Rahmen eines stabilen Preises für Getreide und dessen Erzeugnisse 5,6 Mio. t werden also zur Zeit 5,6 Mio. t gehortet.

Diese Menge stellt zunächst eine Größenordnung außerhalb meines alltäglichen Vorstellungsvermögens dar. Daher habe ich die folgende Rechnung aufgemacht:

5,6 Mio t in einem Jahr aufgebraucht wären 15.342.465,75 kg Getreide pro Tag. Ein kg Getreide besitzt einen Energieinhalt von ca. 3.000 kcal, das wären also 46.027.397.260,27 kcal täglich. Wenn ein Mensch zum überleben ca. 1.500 kcal täglich benötigt, könnten damit 30.684.931,51 Menschen täglich -also ca. 30 Mio. Menschen- für ein Jahr mit ausreichend Kalorien versorgen. Über die Ausgewogenheit einer solchen Ernährung würde sich sicher so mancher Erdensgenosse zunächst keine Gedanken machen.

Gut 30 Mio. Menschen also, was bedeutet das:
ca. 10 mal die Einwohner von Berlin
ca. 1/3 der Einwohner von Deutschland
ca. 1 Milliarde Menschen hungern auf der Erde
davon sterben ca. 8.8 Millionen Menschen pro Jahr. (Quelle Wikipeda, Stand 2007/2009)


Wir sind in der Lage für stabile Preise Weizen zur horten, aber nicht in der Lage ansatzweise den Welthunger abzustellen.

Jetzt gibt es sicher wieder Spezialisten, die mir erklären, dass der Weizen ja wieder in den Handel gelangt und nicht weggeworfen wird. Dass die Lagerhaltung hier und der Hunger dort nicht direkt zusammenhängen.

Trotzdem unsere Möglichkeiten, unsere Potenziale sind gewaltig und wir nutzen sie effektiv, wenn es um Preise geht. Wenn es um den Welthunger geht, fühlen wir uns plötzlich schwach und unfähig.

OK, jetzt wird es doch zu moralinsauer, Sorry.

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